15.05.2021 / Abstimmungen / /

Diskussionsabend zur Trinkwasser- und Pestizidfrei-Initiative in Romanshorn

Der von der CVP Arbeitsgruppe Landwirtschaft organisierte Informations- und Diskussionsabend zu den beiden Agrarinitiativen, über die wir am 13. Juni abstimmen wurde Corona-bedingt  auf eine Teilnehmerzahl auf 50 Personen beschränkt. An der Kantonsschule Romanshorn trafen sich 40 Teilnehmer. 215 weitere Interessierte nutzten die Gelegenheit, den Anlass per Livestream (siehe Link am Schluss des Artkels) direkt mitzuverfolgen und konnten Fragen einbringen.  CVP Thurgau-Vizepräsidentin Sandra Stadler moderierte den Anlass charmtant und engagiert.

Nationalrat Markus Ritter, Bio-Bauer und Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes beleuchtete im Einstiegsreferat, was die Initiativen beinhalten und warum sie abgelehnt werden müssen.

Trinkwasser-Initiative hätte gemäss wissenschaftlichen Studien negativen Effekt auf die Umwelt
Die Trinkwasser-Initiative will allen Betrieben die Direktzahlungen streichen, welche Pflanzenschutzmittel Einsetzen oder Futter für ihre Tiere zukaufen. Davon ist auch der Biolandbau betroffen. Die Forderungen der Initiative, ausschliesslich Schweizer Labelprodukte anzubieten, widersprechen der Nachfrage des Marktes und der Entscheidungsfreiheit des Konsumenten. Mehr als die Hälfte der rund 300‘000 Arbeitsplätze in der Land- und Ernährungswirtschaft wären direkt betroffen oder gefährdet. Eier, Schweine- oder Geflügelfleisch aus Schweizer Produktion werden zu Luxusprodukten oder verschwinden, weil die Initiative die unternehmerische Tätigkeit der Landwirte enorm einschränkt und die Produktionskosten in die Höhe treibt. Bei verschiedenen Kulturen im Pflanzenbau wäre das Anbaurisiko nach einer Annahme der Initiative zu gross. Dadurch würde die Verfügbarkeit von einheimischen Lebensmitteln gemäss Agroscope um mindestens 30 Prozent sinken. Bauernfamilien müssten die genannten Produktionszweige in der Tier- und Pflanzproduktion aufgeben oder auf Direktzahlungen verzichten. Das wäre insofern kontraproduktiv, da sie den ökologischen Leistungsnachweis, an den die Direktzahlungen heute gebunden sind, nicht mehr erbringen müssten. Dafür hat Markus Ritter nur einen Begriff: Mogelpackung.

 Pestizidfrei-Initiative: Parlamentarische Initiative zielführender, sie setzt verbindliche Ziele
Die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» will die synthetischen Pestizide in der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft gesamthaft verbieten. Konsequenterweise dürften nur noch Lebensmittel importiert werden, die ohne synthetische Pestizide produziert worden sind. Damit würde die Schweiz die WTO-Verpflichtungen verletzen. Zudem hätten die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten keine Auswahl mehr und müssten gesamthaft auf diese «Art» von Labelprodukte umstellen. Um den Bedarf der Lebensmittelindustrie in der Schweiz an Kaffee und Kakao zu decken, wären 21 Prozent der weltweiten Bio-Kaffee- und 50 Prozent der weltweiten Bio-Kakaoproduktion notwendig. Die Importauflagen würden die Lebensmittelhersteller zwingen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern. Das Essen in der Schweiz würde massiv teurer, weil die zusätzlichen Anforderungen preissteigernd wirken. Zudem würde der Einkaufstourismus zunehmen, weil die Auflagen nur für die Schweiz gelten. Die Lebensmittelindustrie ist für die Reinigung ihrer Anlagen auf synthetische Biozide angewiesen, die ebenfalls verboten würden. Ohne diese Reinigungsmitte/Biozide ist eine einwandfreie Lebensmittelqualität gefährdet und die Haltbarkeit der Produkte sinkt. Der Verzicht auf Herbizide erfordert eine mechanische Unkrautbekämpfung. Die Verwendung von biologischen Pflanzenschutzmitteln erfordert mehr Behandlungen. Das führt zu einem häufigeren Befahren der Felder und damit zu höheren Kosten und höheren CO2-Emissionen. Mehr Ertragsausfälle und schlechtere Haltbarkeit erhöhen den Foodwaste.

 Fazit von Nationalrat Markus Ritter: 2 x Nein zu den extremen Agar-Initiativen
Die Umsetzung des Aktionsplans Pflanzenschutz mit messbaren Zielen und 51 konkreten Massnahmen sowie die Parlamentarische Initiative mit den verbindlichen Zielen zur Senkung der Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes und der Nährstoffverluste sind glaubwürdige Antworten auf die beiden Initiativen. Sie sorgen dafür, dass die Belastung der Gewässer, des Trinkwassers und der natürlichen Lebensräume abnimmt, ohne dass sich die Land- und Ernährungswirtschaft sowie die Konsumentinnen und Konsumenten die schwerwiegenden Nachteile der Initiativen einhandelt.

Gesamtheitliche Sicht nötig, Landwirtschaft und Gesellschaft müssen sich gemeinsam bewegen
Biolandwirt und Umweltingenieur Peter Schweizer stellte in seinem Referat als Fachexperte den Pflanzenschutz aus unterschiedlichen Blickwinkeln dar. Bei der ganzen Diskussion spielen Emotionen eine grosse Rolle, weil Wasser und Essen für alle elementar wichtig sind. Aus gesellschaftlicher Sicht ist festzustellen, dass chemisch-synthetische Stoffe überall zu finden sind: Im Trinkwasser, in Tieren, im Urin usw. Diese Stoffe stammen aus den verschiedensten Bereichen unseres Konsums und unserer Lebensweise. Die Kosten für die Schäden trägt die Gesellschaft. Jede Konsumentin und jeder Konsument muss sich die Frage stellen, ob der eigene Konsum mit den Forderungen der Initiativen übereinstimmt. Zentral ist deshalb die Frage, wie die zukünftige Ernährung aussieht. Aus landwirtschaftlicher Sicht erfolgt die Anwendung der Hilfsstoffe korrekt und steht in engem Zusammenhang mit den hohen Qualitätsansprüchen an die Produkte. Die Landwirtschaft fühlt sich an den Pranger gestellt. Unbestritten ist, dass bei der Anbautechnik, Sortenzucht, Nützlingseinsatz und alternativen Anbaumethoden ein grosses Potenzial für Alternativen ausserhalb des chemisch-synthetischen Pflanzenschutzes besteht. Das setzt langjährige Anstrengungen in Forschung und Ausbildung voraus. Die Sicht der Umwelt ist nochmals eine andere. Beim Trinkwasser gibt es einen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm für Wirkstoffe und deren Abbauprodukte je Liter Wasser, also den 10 Millionsten Teil eines Grammes. Die Messtechnik hat sich in den letzten Jahren enorm verfeinert und die Dimension der gemessenen Stoffe ist kaum vorstellbar. Das Vorhandensein von Stoffen in auch noch so kleinen Mengen, führt jedoch zu grossem Unbehagen. Alle Pflanzenschutzmittel müssen zugelassen werden. Die Frage stellt sich, ob diese Zulassungsverfahren noch aktuell sind, wenn die Landwirte die Pflanzenschutzmittel regelkonform anwenden und trotzdem Rückstände im Trinkwasser festgestellt werden. Fazit: Die Pflanzenschutz- oder Trinkwasserproblematik sieht aus jeder einzelnen Sicht anders aus. Eine gesamtheitliche Sicht ist notwendig. Landwirtschaft und Gesellschaft müssen sich gemeinsam bewegen. Es braucht Regeln, welche neu auszuhandeln sind.

 Kanton Thurgau wäre bei einer Annahme der Initiativen stark betroffen
Ueli Bleiker, Chef des Thurgauer Landwirtschaftsamtes, erläuterte die Situation im Zusammenhang mit den beiden Initiativen im Kanton Thurgau als zweiter Fachexperte. Er zeigte auch auf, welche zwei Massnahmen der Kanton ergriffen hat, um die Umweltbelastung durch den Pflanzenschutzmitteleinsatz konkret zu reduzieren. Unser Kanton mit überdurchschnittlich hohem Anteil an der Schweineproduktion, sowie den vielen Pflanzenschutz-intensiven Spezialkulturen (Obst, Beeren, Reben, Gemüse), wäre durch die Annahme der beiden initiativen überdurchschnittlich stark betroffen. Im Projekt Aquasan werden an zwei Gewässern die Einträge von PS-Mitteln eruiert, um zu lernen, wo genau die Probleme liegen. Im Perimeter von 2000ha finden diese Beobachtungen statt. Wir müssen feststellen, man hat die Risiken von Punkteinträgen wie Füllplätze und Hofentwässerungen unterschätzt aber auch die Feldapplikation überschätzt. Im Projekt Pflopf arbeiten gegenwärtig 60 Betriebe in mehreren Kantonen mit der Beratung zusammen, um betriebsbezogene PS-Anwendungsoptimierungen zu finden und umzusetzen.

Hochkarätiges Podium mit Nationalrat Kurt Egger als einzigem Befürworter
Das Podium mit den Nationalräten Kurt Egger (Grüne), Markus Ritter (Die Mitte – CVP) und Manuel Strupler (SVP) nahm zwischen den Referaten zu den Fragen von Moderatorin Sandra Stadler und Zuschauern Stellung.  Die Diskussion wurde rege benutz. Fragen und Stellungnahmen forderten speziell die Befürworter. «Wer ist bereit, die Mehrarbeit in der Landwirtschaft zum Mindestlohn von um die 3000.- Fr. im Monat zu leisten?» Im Abschluss stellte nicht nur Markus Ritter fest: Die Schweizer Bauern wollen keine Öko-Planwirtschaft. Der Konsument hat es jetzt schon in der Hand, Bioprodukte einzukaufen.

Nachträglich anschauen

Die Veranstaltung wurde von  https://www.felixfilm.ch/livestream per Livestream übertragen und kann nachträglich dort angeschaut werden

Ueli Bleiker

Sandra Stadler, Güttingen

Markus Ritter, Altstätten

Peter Schweizer, Welfensberg

Kurt Egger, Eschlikon

Christian Neuweiler, Zuben

Manuel Strupler, Weinfelden

Jakob Hug, Oberwangen

Jürg Hess, Roggwil